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Musikkultur
Wenn ich erklären soll, warum ich Ska, Rocksteady und Reggae so liebe, lande ich ziemlich schnell beim Rhythmus. Dieser kleine Schlag neben dem eigentlichen Takt – der Offbeat – hat etwas Unwiderstehliches. Ein paar Sekunden genügen, und ich will mich bewegen.

Ska, Rocksteady und Reggae ist alles andere als oberflächlich. Die Musik kann leichtfüßig klingen und trotzdem von Armut, Rassismus, Gewalt und Widerstand erzählen. Sie feiert das Leben, ohne dessen Schattenseiten auszublenden.
Angefangen hat alles auf Jamaika. Ende der 1950er-Jahre hörten die Menschen dort amerikanischen Rhythm and Blues und Jazz, mischten diese Einflüsse mit Mento, Calypso und ihren eigenen musikalischen Ideen. Auf den Straßen von Kingston standen große Soundsystems, deren Betreiber darum kämpften, wer die heißesten Platten und den besten Klang hatte. Aus dieser Mischung entstand Ska: schnell, treibend, voller Bläser und mit diesem wunderbar hüpfenden Rhythmus.
Für das junge, seit 1962 unabhängige Jamaika war Ska mehr als Tanzmusik. Er war ein eigener Sound. Selbstbewusst, unverwechselbar und nicht länger bloß ein Echo dessen, was aus den USA herüberschallte. The Skatalites oder Prince Buster gehören für mich zu den Musikern, bei denen man diese Aufbruchsstimmung noch heute hören kann.
Mitte der 1960er-Jahre wurde das Tempo langsamer. Der Bass bekam mehr Raum, die Stimmen rückten nach vorne, die Musik atmete plötzlich anders. So entstand Rocksteady. Diese Phase dauerte nur wenige Jahre, aber was für Jahre das waren. Alton Ellis, Desmond Dekker, The Paragons oder The Techniques schufen Songs, die gleichzeitig lässig und eindringlich klingen.
Rocksteady steht oft etwas im Schatten von Ska und Reggae. Völlig zu Unrecht, finde ich. Gerade diese Mischung aus warmen Stimmen, schweren Basslinien und entspannter Spannung hat ihren ganz eigenen Reiz. Die Musik drängt sich nicht auf. Sie lehnt scheinbar ganz locker an der Wand – und ehe man sich versieht, hat sie einen gepackt.
Gegen Ende der 1960er-Jahre entwickelte sich daraus der Reggae. Der Rhythmus wurde noch markanter, Bass und Schlagzeug bildeten das Fundament, und die Texte wurden häufig politischer und spiritueller. Es ging um Unterdrückung, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit, aber auch um Liebe, Würde, Hoffnung und Befreiung. Toots and the Maytals halfen 1968 mit „Do the Reggay“, dem neuen Stil seinen Namen zu geben.
Natürlich führt beim Reggae kein Weg an Bob Marley vorbei. Aber wer Reggae auf Marley reduziert, sieht nur einen kleinen Ausschnitt. Peter Tosh, Jimmy Cliff, Burning Spear, Lee „Scratch“ Perry, Toots Hibbert und viele andere haben diese Musik geprägt. Dazu kam der Dub: Stimmen verschwanden plötzlich im Hall, Instrumente tauchten auf und wieder ab, während Bass und Schlagzeug das Kommando übernahmen. Das Mischpult wurde selbst zum Instrument. Vieles, was später im Hip-Hop und in der elektronischen Musik selbstverständlich wurde, war hier längst ausprobiert worden.
Besonders spannend finde ich den Moment, in dem jamaikanische Musik und britischer Punk aufeinandertrafen. In den englischen Städten lebten diese Kulturen ohnehin längst nebeneinander. Jamaikanische Einwanderer brachten ihre Platten, Soundsystems und ihren Stil mit. Punkbands hörten Reggae, Reggaemusiker beobachteten die Punks. Beide Seiten wussten, wie es sich anfühlt, von der feinen Gesellschaft nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen zu werden.
The Clash spielten Reggae, The Ruts verbanden Punk mit Dub, und auch The Slits ließen jamaikanische Rhythmen in ihre Musik einfließen. Bob Marley machte daraus seine „Punky Reggae Party“. Ende der 1970er-Jahre folgte schließlich 2 Tone: The Specials, The Selecter, The Beat oder Madness holten den Ska zurück, schneller und kantiger, mit Punk im Blut und einer klaren Haltung gegen Rassismus.
An dieser Stelle muss ich auch mit einem hartnäckigen Vorurteil aufräumen: Skinheads sind nicht automatisch rechts. Im Gegenteil. Die ursprüngliche Skinheadkultur entstand Ende der 1960er-Jahre in der britischen Arbeiterklasse und war eng mit jamaikanischer Musik und dem Stil der Rude Boys verbunden. Ska, Rocksteady und früher Reggae gehörten zu ihrer Musik. Schwarze und weiße Jugendliche beeinflussten sich gegenseitig – musikalisch, modisch und sprachlich.
Rude Boys und die ersten Skinheads gab es bereits, lange bevor Rechtsextreme den Skinhead-Look für sich kaperten. Später haben Neonazis mit Glatze, Boots und Bomberjacke das öffentliche Bild so stark geprägt, dass viele bis heute jede Skinheadkultur in dieselbe braune Schublade stecken. Das ist historisch falsch und wird auch den antirassistischen Skinheads nicht gerecht, die sich bis heute entschieden gegen diese Vereinnahmung wehren.
Ich höre natürlich nicht ausschließlich Ska, Rocksteady und Reggae. Funk und Soul gehören ebenso zu meiner musikalischen Welt, genauso wie viele andere Formen Schwarzer Musik. Ohne diese Musik wäre ein großer Teil dessen, was wir heute hören, überhaupt nicht denkbar.
Aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde der Offbeat gewinnen. Vielleicht, weil in dieser Musik so vieles zusammenkommt, was mir wichtig ist: Rhythmus und Haltung, Geschichte und Gegenwart, Lebensfreude und Widerstand. Man kann dazu tanzen, feiern oder einfach nur den Bass durch den Körper laufen lassen. Und wenn man genauer hinhört, erzählt sie einem nebenbei auch noch, woher sie kommt und warum sie bis heute gebraucht wird.