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Asterix

Asterix spricht viele Sprachen. Latein vermutlich eher widerwillig, Französisch seit seiner Geburt und mittlerweile auch eine ganze Reihe deutscher Dialekte. Seit über 20 Jahren ahren spricht er außerdem Meefränggisch. Und ich darf ihm dabei helfen.

Gemeinsam mit Gunther Schunk übersetze ich die Abenteuer des kleinen Galliers ins Mainfränkische. Wobei „übersetzen“ fast ein wenig zu harmlos klingt. Denn wir nehmen nicht einfach einen hochdeutschen Satz und tauschen ein paar Wörter aus. So funktioniert Dialekt nicht. Schon gar nicht unserer.

Meefränggisch ist keine Sprachverkleidung, die man einem Text überstreift wie einen Faschingshut. Es hat seinen eigenen Takt, seinen eigenen Humor und eine ganz besondere Art, die Welt zu betrachten. Ein Satz kann auf Hochdeutsch vollkommen richtig sein, und im Dialekt trotzdem klingen, als hätte ihn jemand mit dem Wörterbuch und zusammengebissenen Zähnen zusammengebaut.

Deshalb beginnt die eigentliche Arbeit oft erst dort, wo die wörtliche Übersetzung endet.

Dialekt muss im Ohr funktionieren

Beim Übersetzen lese ich die Sätze nicht nur. Ich höre sie. Würde jemand in Würzburg, Karlstadt oder irgendwo zwischen Main und Weinberg tatsächlich so reden? Hat der Satz einen natürlichen Rhythmus? Sitzt die Pointe? Oder stolpert sie wie ein Römer mit zu großer Sandale durchs Bild?

Asterix lebt von Tempo. Von Wortspielen, Missverständnissen, Übertreibungen und kleinen sprachlichen Explosionen. Ein Witz, der im Hochdeutschen funktioniert, kann im Dialekt völlig verpuffen. Dann muss eine neue Lösung her – keine Kopie, sondern eine Pointe, die sich anfühlt, als wäre sie schon immer für Meefrångn geschrieben worden.

Manchmal ist das schnell erledigt. Manchmal sitzen Gunther und ich an einem einzigen Satz, schieben Wörter hin und her, verwerfen fünf Fassungen und landen am Ende wieder fast beim Anfang. Nur eben mit genau jener kleinen Veränderung, die plötzlich alles trägt.

Das ist Sprachfeinarbeit. Mit gelegentlichem Fluchen.

Nicht jedes „ned“ macht einen Dialekt

Dialekt wird schnell zur Karikatur, wenn man ihn nur aus ein paar bekannten Lauten zusammensetzt. Ein „ned“ hier, ein „fei“ dort, und fertig ist angeblich das Mainfränkische. So einfach machen wir es uns nicht.

Unsere Sprache hat Regeln, Eigenheiten und regionale Unterschiede. Sie verändert Endungen, verschluckt Konsonanten, macht harte Laute weich und findet oft kürzere Wege als das Hochdeutsche. Manches klingt gemütlich, obwohl es ziemlich scharf gemeint ist. Anderes wirkt ruppig, ist aber beinahe eine Liebeserklärung.

Gerade diese Zwischentöne sind wichtig. Ob Majestix poltert, Miraculix doziert oder Obelix beleidigt feststellt, dass er keineswegs dick sei: Jede Figur braucht auch im Dialekt ihre eigene Stimme. Obelix darf nicht klingen wie ein Würzburger Stadtrat, und Cäsar (Magnus Södrus Maximus) nicht wie der Wirt beim Frühschoppen. Zumindest nicht immer.

Die Gallier werden zu Meefrångn

Natürlich verändern sich durch den Dialekt auch die Schauplätze. Aus dem gallischen Dorf wird kein beliebiger Ort mit ein paar Weinbergen im Hintergrund. Es entsteht eine eigene mainfränkische Welt: vertraut, aber nicht plump übertragen.

Die Residenz, die Alte Mainbrücke oder das Juliusspital können darin ebenso auftauchen wie sprachliche Anspielungen, die man vielleicht erst beim zweiten Lesen entdeckt. Die Römer werden zu Besatzern, Würzburg darf zu Wördsburch werden, und irgendwo zwischen Hinkelstein und Silvaner beginnt die Grenze zwischen Gallien und Mainfranken vollständig zu verschwimmen.

Das Schönste daran: Asterix verträgt diese Verwandlung erstaunlich gut. Vielleicht, weil die Gallier den Meefrångn gar nicht so unähnlich sind. Sie sind eigensinnig, streitbar, heimatverbunden und grundsätzlich überzeugt davon, dass die anderen ein wenig merkwürdig sind. Außerdem wird gern gegessen und getrunken. Die kulturelle Brücke steht also auf ziemlich soliden Pfeilern.

Eine Sprache, die gedruckt weiterlebt

Dialekt wird meistens gesprochen. Er lebt am Küchentisch, in der Wirtschaft, auf dem Markt oder in einem Satz, der quer über die Straße gerufen wird. Sobald man ihn aufschreibt, beginnt die Diskussion.

„Des hessd doch gans annersch.“
Stimmt möglicherweise. Oder auch nicht.

Eine verbindliche Rechtschreibung gibt es für das Mainfränkische nicht. Jeder Ort, manchmal beinahe jede Familie, bringt eigene Färbungen mit. Wir müssen deshalb Entscheidungen treffen: Wie schreiben wir ein Wort so, dass es authentisch klingt und trotzdem lesbar bleibt? Wie viel Dialekt hält ein Satz aus, bevor die Pointe unter lauter Ringaktzenten (im Dänischen auch Bolle genannt) begraben wird?

Unser Ziel ist kein sprachwissenschaftliches Protokoll. Die Bücher sollen klingen. Man soll beim Lesen eine Stimme im Kopf haben, vielleicht die der Großmutter, eines alten Schulfreundes oder des Mannes am Nebentisch, der seit zwanzig Minuten erklärt, warum früher alles besser und der Schoppen größer war.

Wenn das gelingt, lebt der Dialekt nicht nur weiter. Er bekommt plötzlich Sprechblasen.

Warum ich das mache

Ich liebe Sprache. Nicht als starres Regelwerk, sondern als etwas, das atmet, sich verändert, aneckt und Menschen miteinander verbindet. Dialekt trägt Erinnerungen. Er verrät, woher wir kommen, ohne dass wir dafür einen Lebenslauf vorlegen müssen.

Und Asterix ist die perfekte Bühne dafür.

Diese Comics begleiten mich seit meiner Kindheit. Ihre Figuren sind vertraut, ihre Geschichten zeitlos und ihre Wortspiele oft viel raffinierter, als man beim schnellen Durchblättern merkt. Sie ins Meefränggische zu übertragen, verbindet vieles, was mir wichtig ist: Sprache, Humor, Comics, Heimat und die Freude daran, einen Satz so lange zu drehen, bis er genau sitzt.

Manchmal denke ich beim Übersetzen: Das kann doch nicht funktionieren.

Dann sagt Obelix plötzlich etwas, das nur auf Meefränggisch wirklich gut klingt.

Und dann weiß ich wieder, warum wir das machen.